Der Mythos Suchmaschinenoptimierung stirbt nicht aus

Als ich mich Ende der Neunziger zum ersten Mal mit Suchmaschinenoptimierung befasst habe, fühlte ich mich wie Indiana Jones. Es gab große Geheimnisse zu ergründen und die Hinweise, wo denn der Ranking-Schatz liegt, waren dürftig, missverständlich und oftmals einfach nur falsch. Seither hat sich die Situation komplett geändert. Es gibt zig SEO-Bücher, viele SEO-Tutorials, Unmengen SEO-Blogs- und sogar eine SEO-Video-DVD …

Da verwundert es mich immer wieder, wie geheimnisumwittert, ja gerade zu mystisch Suchmaschinenoptimierung heute immer noch ist. Ich betreue zur Zeit die SEO-Aspekte beim Launch eines großen Portals; einer der dortigen Kollegen fragte mich, was denn genau SEO bedeuten würde. Als ich von Keyword-Recherche erzählte, vom Aufbau einer sinnvollen Site-Struktur und vom Verteilen der Inhalte auf Landing Pages, erntete ich überraschte Blicke. Offenbar erwartete mein Kollege ganz andere Antworten: Hätte ich erzählt, dass die Keyword-Dichte genau 2,77 Prozent betragen müsse – außer in Schaltjahren, wo 2,94 Prozent der korrekte Wert wäre – sein Weltbild wäre nicht erschüttert worden. Aber dass ein Suchmaschinenoptmierer sich mehr mit der Website-Architektur befasst als mit dem Feintuning höchst geheimer Metatags, das war vollkommen neu für ihn.

Ebenfalls nicht auszurotten ist der Glaube, SEO könne problemlos auf eine beliebige, vorhandene Website quasi aufgesattelt werden. Da schreibt doch Joachim Graf von iBusiness – also jemand, der es eigentlich besser wissen sollte – tatsächlich gestern in einem Kommentar:

Man beauftragt SEO und gut ist.

Und gut ist? Wenn’s nur so einfach wäre. Natürlich, wenn die Website bereits sinnvoll strukturiert ist und wenn gute Inhalte vorhanden sind, kann’s tatsächlich so einfach sein. Dann zwingt man den Administrator mit vorgehaltener Pistole dazu, mod_rewrite zu installieren und stellt das URL-Schema des CMS auf Permalinks um. Der Optimierer bastelt dann noch etwas am Seitentemplate herum – und von da an befasst sich die Kampagne nur mehr mit Linkaufbau.

Aber in den meisten Fällen sind die Voraussetzungen eben nicht so günstig. Da sind dann alle wesentlichen Inhalte auf einer Seite mit dem Titel „Produkte“ zusammengepfercht. Und die für den Long Tail so wichtigen Details werden per AJAX nachgeladen – wovon sich der Produktmanager selbst mit vorgehaltener Pistole nicht abbringen lässt, weil er AJAX so cool findet. Oder es gibt den umgekehrten Fall, bei dem für ein zentrales Keyword gleich drei Landing Pages existieren und im ganzen Konzern findet sich niemand, der entscheiden kann oder mag, welche dieser Seiten denn nun als die eine zentrale Zielseite benutzt werden soll. „Man beauftragt SEO und gut ist“ – stimmt schon, gut für den Optimierer, der in solchen Fällen dann zig Tagessätze abrechnen kann. (Zur Ehrenrettung des Herrn Graf möchte ich anmerken, dass die restlichen Aussagen in seinem Kommentar sehr wohl zutreffen oder zumindest interessante Diskussionsansätze darstellen.)

Wie missverstanden Suchmaschinenoptimierung immer noch wird, zeigen auch die Reaktionen auf den diversen Konferenzen; seit Jahren höre ich, dass es nichts Neues zu hören gebe, dass die „wahren Tricks“ nicht verraten würden. Doch, die wahren Tricks werden verraten, seit Jahren, auch auf der SES oder SMX oder wie sie heißen. Die wahren Tricks heißen: Lerne dein fucking Handwerk und wende es an! Wenn Mediadonis mit einem einzigen Post ein paar tausend Links abstaubt, hat das nichts damit zu tun, dass er einen geheimen Metatag <meta name="linkbuilding" content="Hey you, dude, link to me! Now!"> einbauen würde, sondern mit gutem Inhalt. Content. Contenido. Contenuto. Contenu. Und genau davon handeln seit Jahren die Vorträge, in diversen Variationen natürlich. Aber mehr gibt’s auch nicht zu erzählen: Setz‘ dich hin und mach’s einfach. Das ist der ganze Trick.

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15 thoughts on “Der Mythos Suchmaschinenoptimierung stirbt nicht aus

  • 8. Juli 2008 at 16:13
    Permalink

    geheimnisumwittert… das liegt daran, dass SEOs über ganz einfache Verfahren gern die Aura des (Geschäfts-) Geheimnisses legen.
    Vera

  • 8. Juli 2008 at 16:29
    Permalink

    Content is King – sag ich doch schon seit Jahren 😉

  • 8. Juli 2008 at 16:47
    Permalink

    Vera,
    solche SEOs mag es geben, aber viele andere erklären seit Jahren ganz genau, was zu tun ist – schau dir nur die vielen guten Tutorials an. Ich glaube vielmehr, diese Aura hängt damit zusammen, dass Marketer plötzlich was von HTTP hören und nichts verstehen und dass Administratoren plötzlich mit Marketingdingen behelligt werden, was ja sowieso „Pfui“ ist.

  • 8. Juli 2008 at 16:55
    Permalink

    Vielen Dank für den Beitrag Stefan.
    Ich bin da eigentlich der gleichen Meinung wie du.
    In der „SEO-Szene“, so nenn ich es mal, gibt es kaum Neues.
    Wenn man aber seinen Freunden und Verwandten sag ich mal davon erzählt, dann ernte ich auch nur staunende Blicke.

    Des Weiteren:
    Content is King, wie tameco schon sagte 🙂

  • 8. Juli 2008 at 18:15
    Permalink

    Der ganze Grund der Mystik ist wahrscheinlich der, dass zwar unzählige Infos über SEO veröffentlicht wurden/werden, aber bei weitem nicht alle gelten – bzw. nicht mehr gelten – bzw. in Kombination zueinander nicht zwingend gelten.

    Wenn ich eine Anleitung suche wie ich einen Stuhl baue, dann gibt es Anleitungen, die haben vor 50 Jahren gepasst, und genauso passen sie 1:1 auch heute noch.

    Bei SEO ist das Thema um Längen komplexer. Es gibt viele Faktoren zu berücksichten, die richtig aufeinander abgestimmt sein müssen. Wenn ich heute nach einem Tutorial von 2005 optimiere, verspreche ich mir keine großen Chancen. Verwende ich eine SEO-Anleitung von 2008, vergesse ich vielleicht Nuancen der Anweisung von 2005, die in Summe den Erfolg bringen.
    Vielleicht habe ich mich kompliziert ausgedrückt, aber genau das ist das Problem der Hobby-/Freizeit-/Ferien-SEOs. Die Erfassung des Ganzen fehlt.
    Ich beschäftige mich auch noch nicht seit 10 Jahren oder mehr mit SEO, aber das ist die Erfahrung die ich gemacht habe. Eine fundierte Wissensbasis aus den unzähligen Informationen aufzubauen ist verdammt schwierig. Hat man diese einmal inne, kann man die nuancenweisen Änderungen verfolgen und in seine Strategie mit aufnehmen.
    Aber bei der Sammlung und Verinnerlichung des Grundwissens scheitern bereits viele…

    Sascha

  • 8. Juli 2008 at 18:16
    Permalink

    Sehr geiler Post, danke Stefan!
    (Hatte diesen sinnentleerten Comment von Herrn Graf ebenfalls gelesen, und konnte nur meinen Kopf schütteln…)

  • 8. Juli 2008 at 20:03
    Permalink

    Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Halt – eine Anmerkung noch zum letzten Satz: „Mach Dir zuerst Gedanken über dein Umfeld, dein Unternehmen/Produkt und deine Ziele, setzt dich hin und mach es…“. Und eine „Weisheit“ gilt halt nach wie vor: „Content is king“ und die wird auch – und gerade – die nächsten Monate und Jahren noch gelten!!!

  • 9. Juli 2008 at 06:54
    Permalink

    Sehr schön auf den Punkt gebracht. Aber ich glaube, dass wird so schnell da draussen nicht verstanden

  • Pingback: Die fünf offenen Geheimnisse des Suchmaschinenoptimierers « Content,Handwerk,Linkbildung,Traffic « SEO Scene

  • 9. Juli 2008 at 18:15
    Permalink

    Bei den Entscheidern hat sich (häufig) halt immer noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt das SEO mit der Architektur des Produktes zu tun hat und deshalb bei der Entwicklung berücksichtigt werden sollte.
    Vielleicht findet sich ja jemand der „SEO“ dick in ein Wasserfallmodell einbaut, so an der Stelle Entwurf vielleicht.
    (Oh, hab übersehen das im Onlinebereich ja eh zuerst gecoded und dann analysiert wird…) 😉

  • 9. Juli 2008 at 18:20
    Permalink

    @Whoopster
    Das gleiche ist doch für jeden Beruf gedacht. Ein Elektroniker der vor 10 Jahren gelernt hat und sich nicht mehr weitergebildet hat, hat heute keine Chance mehr mit seinem Wissen voran zu kommen.
    Das gleiche gilt für SEO und jeder anderen Branche. Alt und neu wird gemixt, gewürfelt und auf den Tisch ausgebreitet. Nun sucht man sich die besten Zutaten raus und backt es neu. Das fertige Produkt ist der jetzige Zeitpunkt, kann in 12 Monaten schon wieder veraltet und ins Museum gestellt werden.

    Zu den Zutaten: Gehört die DVD und die Datenbank vom Stefan als Gewürzgrundmischung, die anderen Gewürze schmecken das Endprodukt ab. Immer auf dem laufenden bleiben.

  • 11. Juli 2008 at 19:57
    Permalink

    Der Beitrag hat mir jetzt wirklich gut gefallen. Weil er endlich mal Klartext „redet“ und den mystischen Nebel beim Thema SEO in Frage stelt. Was SEO vielleicht mystisch anmuten lässt ist, wenn ein entsprechend ausgestatteter Dienstleister durch gezielte Backlinks von starken Seiten die Kundenseite in den SERPs nach oben katapultiert. Dafür haben „normale“ Leute keine Erklärung und der Mythos kriegt neue Nahrung.

    Meiner Meinung nach ist es Pflichtprogramm für Webdesigner und Agenturen den notwendigen Sitestrukturen Rechnung zu tragen, sinnvolle Titel zu vergeben, die Description auch zu verwenden usw. Bei uns heisst das: Suchmaschinenoptimierung inklusive. Das macht nicht mehr Arbeit und der Kunde hat es verdient.

    Über Erfolg und Misserfolg entscheidet dann der Kunde mit seinem Content und nicht der SEO mit einem Hexenbeutel.

  • 31. August 2008 at 12:49
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    @Torsten: Nicht der Content vom Kunden allein entscheidet, sondern der Mix aus allen Fachgebieten um diesen Content entscheidet. In meinen Augen entscheidet sich genau in diesem optimalen Mix der Erfolg eines Webprojekts. Der Kunde weiß selten von der Welt des Webs bescheid, ansonsten bräuchte er keinen Webdesigner, SEo oder Codeschreiber 😉

    Aus dem sonnigen Dresden grüssend

    Ralph

  • 29. September 2008 at 21:28
    Permalink

    Für einen guten Kumpel habe ich seine Webseite ein wenig optimiert und mit einfachen SEO Massnahmen innerhalb von ein paar Wochen bei Google nach oben gebracht. Das fand auch er ziemlich mystisch, dabei habe ich nur mein Wissen angewandt.

  • 4. Februar 2009 at 19:11
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    Guter Artikel, aber es rennen immer noch zuviele Experten herum und verkaufen den Firmen für teures Geld SEO und pushen später mit Linktauschbörsen den Traffic num zu beweisen das ihre Arbeit gewirkt hat.

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